Der folgende Artikel von Rainer Stephan ist am Donnerstag, 22. Januar 2026 in der Tageszeitung »Die Glocke« erschienen. Die Nutzung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktionsleitung.

Behielten den Himmel über St. Vit im Auge: Die Luftwaffenhelferinnen der örtlichen Flugwache mit ihrem Truppführer, dem späteren Wiedenbrücker Schützenoberst Reinhard Mönchmeier. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1943. Foto: Stadtarchiv Gütersloh
Die „Blitzmädchen“ warnten vor Angriffen
Haben die realen Kriegsgefahren des Jahres 2026 das Interesse der Menschen an jenen Kriegsereignissen neu belebt, die sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs vor der eigenen Haustür abgespielt haben? Diese Frage drängt sich unwillkürlich nach einer jüngst außergewöhnlich gut besuchten Vortragsveranstaltung im Rhedaer Domhof auf. Thema war der legendäre Nazi-Luftlagesender „Primadonna“ in der ehemaligen Linteler Gaststätte Haus Schalück (heute: China-Restaurant Haus Wang). Fast 80 Mitbürger hatten in ihre Tasche gegriffen und zehn Euro investiert, um sich vom St. Viter Historiker Norbert Ellermann mit zeitgenössischem Bildmaterial, Augenzeugenberichten und dazu passenden Erläuterungen in die Jahre 1942 bis 1945 versetzen zu lassen.
Und tatsächlich sieht Ellermann, der auch Dritter Vorsitzender des Heimatvereins Rheda ist, in der aktuellen politischen Weltlage einen Grund für die große Resonanz auf das Thema. Er sagt: „Für Geschichte haben sich die Menschen immer interessiert. Um sie lebendig zu machen und nicht nur Jahreszahlen herunterzubeten, braucht es allerdings Berichte von Zeitzeugen, spannende Bilder und auch einen Gegenwartsbezug. Dieser ist hierzulande spätestens durch Putins Überfall auf die Ukraine gegeben.“
Hinzu käme, so Ellermann, dass auch wenig bekannte oder historisch beleuchtete Aspekte aus der NS-Geschichte stets auf großes Interesse stießen. In seinem gut einstündigen VHS-Vortrag vermittelte Ellermann nicht nur reichlich Daten, Zahlen und Fakten rund um den Sender „Primadonna“ und den im Haus Schalück am Kriegsende untergebrachten Stab und Gefechtsstand der 3. Jagddivision der Deutschen Luftwaffe. Er präsentierte seinen Zuhörern auch mehrere Augenzeugenberichte jener Zeit und außerdem so noch nicht gesehene Fotoaufnahmen. Die ursprünglich schwarz-weißen Bilder waren zum Teil mit Hilfe von künstlicher Intelligenz nachkoloriert worden. Wertvolle Hilfe und Unterstützung erhalten hatte Ellermann dabei von dem Gütersloher Hobby-Historiker und -Fotografen Wolfgang Hein, der ihm auch bei seinem Vortrag assistierte.
Offenbar schon im Jahr 1940 mussten die Nazis damit rechnen, dass sich ihr Luftkrieg auch gegen die eigene Bevölkerung richten könnte. Vor diesem Hintergrund wurden bereits in jenem Jahr Gebäude und Flächen der nahe zur Reichsautobahn gelegenen Gaststätte Haus Schalück im Rahmen des Bevölkerungsschutzes angepachtet. Dort wurde später eine Luftschutz (LS)-Einheit der Feuerwehr stationiert. Diese konnte nach Bombenangriffen schnell zum Löschen von Bränden ausrücken.
Bunkeranlage im heutigen Haus Wang
Als im September 1944 beim Angriff der Alliierten auf die niederländische Stadt Arnheim der nahe gelegene Gefechtsstand der 3. Jagddivision zerstört wurde, musste der Stab ein weiter östlich gelegenes Ausweichquartier beziehen. Die damalige an der Hauptstraße nach Gütersloh in Lintel gelegene und von der Luftwaffe angepachtete Gaststätte Haus Schalück war dafür bereits vorgesehen. Innerhalb kürzester Zeit entstand unter dem großen Saal des Wirtshauses ein Bunker. Dieser wurde zum Evakuierungsquartier für den Gefechtsstand der 3. Jagddivision und die Sprechstelle für den Luftlagesender „Primadonna“.
Der Sender hatte ursprünglich allein die Aufgabe, die Verbindung zu den fliegenden Einheiten herzustellen. In der Endphase des Krieges warnte er auch die Zivilbevölkerung vor anfliegenden feindlichen Bomberverbänden. Dies geschah durch das Senden langer Kolonnen von Zahlen-Buchstaben-Kombinationen, hinter denen sich jeweils ein Planquadrat auf der Landkarte verbarg. Die heutige Stadt Rheda-Wiedenbrück beispielsweise lag im Quadrat IR 6. Norbert Ellermann: „Das bedeutete: Wenn der Sender ‚Feindtätigkeit im Raum Ida/Richard-6’ meldete, war hier mit einem Anflug von alliierten Flugzeugen zu rechnen.“
Dienstantritt zu Fuß zur Tarnung
In der Kommandozentrale befand sich eine überdimensionierte Landkarte im Format 20 mal 15 Meter, auf der das gesamte Gebiet von England bis Berlin in Planquadrate eingeteilt war. Für die Beobachtung des Flugraums in ihrem Bereich unterhielt die 3. Jagddivision alle 10 bis 15 Kilometer eine Flugwache. Deren Beobachtungen und Meldungen gingen an das Luftlagezentrum und den Gefechtsstand im Haus Schalück. Dort wurden sie empfangen und ausgewertet. Danach gingen die „Primadonna“-Warnmeldungen vor feindlichen Fliegen über den Äther. Zugleich erhielten die deutschen Jagdflieger auf den Fliegerhorsten von Münster über Detmold und Paderborn bis Werl per Funk ihre Einsatzbefehle.
Eine der Flugwachen befand sich auch am Standort St. Vit in der heutigen Stadt Rheda-Wiedenbrück. Truppführer im Jahr 1943 war dort der Wiedenbrücker Metzgermeister und spätere Schützenoberst der Sebastianer Reinhard Mönchmeier. St. Vit war auch Standort einer Ersatzsprechstelle des Senders „Primadonna“. Diese befand sich in den Räumen der damaligen Gaststätte Aussel in der Stromberger Straße. Vom 21. September 1944 bis zum 29. März 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der 2. US-Panzerdivision, waren Sender und Gefechtsstand am Haus Schalück mit 170 Soldaten und 300 Luftwaffenhelferinnen – den so genannten Blitzmädchen – besetzt und voll funktionsfähig in Betrieb. Die Unterbringung der Mannschaftsgrade erfolgte in den Baracken im nahen Wald. Offiziere hatten ihre Unterkunft in der Berufsschule im ehemaligen Rawe-Haus in Rheda. Die im Schichtbetrieb arbeitenden Luftwaffenhelferinnen kamen mit Bussen aus ihrem Quartier in der Nachrichtenkaserne Verler Straße in Gütersloh. Um keinen Verdacht zu schöpfen und nicht feindlichen Fliegern ihre Dienststätte zu verraten, mussten sie einige 100 Meter vor dem Ziele den Bus verlassen und zu Fuß weitergehen.

In der Luftaufnahme der Alliierten vom Gebiet um Haus Schalück sind die Stellen markiert, an denen sich seinerzeit Einrichtungen der Deutschen Luftwaffe befanden. Foto: US-Nationalarchiv
„Wer den Frieden will, muss an den Krieg erinnern“
Ganz unentdeckt blieb die Kommandozentrale dennoch nicht. Ein französischer Kriegsgefangener soll den Alliierten den Standort übermittelt haben. Daraufhin war es in dem Gebiet am 26. Oktober 1944 zu einem Flächen-Bombardement gekommen. Innerhalb kürzester Zeit fielen 126 Spreng- und 1000 Brandbomben. Das Haus Schalück aber blieb unversehrt. Vor ihrem Abzug und dem Einzug der Amerikaner zerstörten die Luftwaffensoldaten gemäß dem im März 1945 erlassenen „Nero-Befehl“ die gesamte Anlage. Was aus dem Dienstpersonal von Sender und Gefechtsstand wurde, ist nicht überliefert. Bekannt ist hingegen, dass 30 Luftwaffenhelferinnen den Weg in die Gefangenschaft antreten mussten. Im Laufe des Sommers kamen sie wieder frei.
Der von großem Interesse begleitete Vortrag über den Luftlagesender „Primadonna“ war Auftakt einer historischen Erinnerungsserie unter dem Motto „Was steckt noch in den Köpfen und in der Erde?“. Norbert Ellermann: „Das Wissen über diese Zeit muss gesammelt, gesichert und für alle geöffnet werden. Sonst ergeht es uns eines Tages wie einer Schulklasse in den Niederlanden. Die Schüler glaubten nicht an die Existenz von Anne Frank. Sie hielten das im Konzentrationslager Bergen-Belsen umgekommene jüdische Mädchen für ein Produkt künstlicher Intelligenz.“ Wichtige Erkenntnis und letzte Botschaft des Historikers an seine Zuhörer: „Wer den Frieden will, muss an den Krieg erinnern – und das vielleicht auch, indem er zum Beispiel eine Kriegsgräberstätte besucht.“

